Von Pseudoweibchen und Sprachverwirrung

Dieser Text stammt von Elke Peyerl, die die Kopie freundlicherweise gestattet hat.

Folgende Gerüchte halten sich leider standhaft und es scheint, man könne ihnen nicht entgegenwirken. Trotzdem soll es hier versucht werden:

1. Böcke kann man nicht zusammen halten. UNSINN!

Immer wieder höre ich, dass sich Meeriböcke nicht vertragen. Leider ein Fehlurteil, das sich standhaft in den Köpfen von Meerschweincheninteressierten hält. Viele meiner Böckchen haben als Paar ein schönes Zuhause gefunden, aber auch einzelne Böcke konnten erfolgreich mit Altböcken vergesellschaften werden.

Warum sollte man Böcke halten?

Es können hier wohl keine Allgemeinaussagen getroffen werden, die für alle Böcke und Meerschweinchenweibchen gleichermaßen gelten, aber normalerweise sind Böcke ruhiger, neugieriger, zugänglicher, mitunter die besseren Gefährten, besonders für Kinder. Sie lassen alles gelassener über sich ergehen als Weibchen, die sich vielfach zickig zeigen.
Bei den Böcken erlebe ich Streitigkeiten seltener als in reinen Weibchengehegen. Böcke zanken sich nämlich nur dann, wenn vielleicht die Rangordnung mal wieder neu festgelegt werden muss, oder aber auch, wenn ich einen Jungbock zu den Altböcken geselle, weil ich davon überzeugt bin, dass, wenn er von der Mutter wegkommt, er dort die beste Erziehung für sein künftiges Leben genießen kann.
Zu einem Altbock kann man sehr gut einen Jungbock, gesellen der gerade von der Mutter getrennt wurde, also um die 4 Wochen alt ist. Oder auch zwei Böcke im Alter des Jungbockes, egal ob sie Brüder sind oder nicht. Bei der ersten Konstellation wird der Altbock sich den Jungbock schon "erziehen". Nicht sofort kalte Füße sollte man bekommen, wenn der Altbock den Jungbock besteigt. Je nachdem wie aufmüpfig sich der Jungbock vielleicht zeigt, wird der Altbock mehr oder weniger durchgreifen. Nach ein paar Stunden ist die Suppe gegessen und Frieden wird einkehren.

Böcke stinken mehr als Weibchen. Das ist ein himmelschreiender Unsinn, der gerne tradiert wird. Meerschweinchen stinken nur bei mangelnder Aufstallung. Da muss sich der Halter wohl im wahrsten Sinne des Wortes selbst an der Nase nehmen!

Heike Kienle: Männliche Meerschweinchen verkleiden sich gerne als "Pseudoweibchen"

Hausmeerschweinchen gehören zu den geselligsten Tieren und es gibt keinen echten Meerschweinchenfreund, der seinen munteren Nager zu lebenslanger Einzelhaft verurteilt.
Professor Norbert Sachser von der Universität Münster ist so fasziniert vom Sozialleben der Hausmeerschweinchen, dass er diese Tiere seit zwanzig Jahren studiert. Besonders die männlichen Nager, "Böcke" genannt, erregten die Aufmerksamkeit des Verhaltensbiologen: Sie sind in der Lage, auf relativ engem Raum in Frieden zusammenzuleben. Sachser macht für diese bei Nagetieren außergewöhnliche Verträglichkeit, die beim Wildmeerschweinchen nicht anzutreffen ist, drei Wesensmerkmale des Hausmeerschweinchens verantwortlich:
Erstens eine große Toleranz gegenüber Artgenossen, die wahrscheinlich im Laufe der Haustierwerdung erworben wurde,
zweitens die Fähigkeit, untereinander stabile soziale Bindungen aufzubauen und
drittens das Vermögen, vielschichtige, individuelle Dominanzbeziehungen innerhalb der Gruppe herzustellen und zu respektieren.
Besonders für die soziale Entwicklung männlicher Jungtiere ist es ausschlaggebend, wie und mit wem sie aufgewachsen sind. Denn das typische, friedfertige Verhalten der Meerschweinchen ist nicht angeboren, es muss erlernt werden. Nur in Gruppen, in denen neben den Weibchen auch erwachsene, dominante Böcke leben, wird ein junges Männchen zum verträglichen Tier, denn es muss sich von klein auf unterordnen und Strategien entwickeln, Aggressionen aus dem Weg zu gehen. Böcke, die ihre Kindheit nur mit Weibchen verbracht haben, sind später nicht mehr in der Lage, sich in eine gemischtgeschlechtliche Gruppe zu integrieren. Ständig fordern sie andere Männchen heraus. Sachser stellte bei diesen "Unsozialen" Stresshormonkonzentrationen fest, die bis zu 400 Prozent über dem Normalwert lagen.
Auch das Leben in reinen Bockgruppen ist bemerkenswert: Sachser stellte fest, dass bei einer Gruppengröße von nur zwei Tieren das harmonischste Miteinander herrschte. Aber auch größere Männchengruppen leben weitestgehend in Frieden. Nur dürfen so gehaltene Meerschweinchen niemals Kontakt zu einem Weibchen bekommen, sonst brechen sofort erbitterte Kämpfe unter den vormals befreundeten Herren aus. Zudem bemerkte Sachser, dass es immer wieder Meerschweinmänner gab, die sich genau wie Weibchen benahmen. Die sogenannten "Pseudoweibchen" genossen ein hohes Ansehen in ihrer Gruppe, wurden von allen umworben und waren nie in aggressive Handlungen verwickelt. Durch diese Alternativstrategie zum männchentypischen Verhalten sicherten sie sich ihr Wohlergehen in reiner Männergesellschaft. Setzte Sachser aber ein echtes Weibchen in die Gruppe, zeigten die Pseudoweibchen sofort ihr wahres Gesicht: Unverzüglich umwarben sie das Weibchen und verteidigten es so heftig, dass sie sich als einzige fortpflanzen konnten. Spätestens nach diesen Forschungsergebnissen kann niemand mehr sagen, Meerschweinchen seien langweilige oder gar dumme Tiere!

Anmerkung: Meine eigenen Erfahrungen zeigen, dass ich Böcke auch nach dem Decken wieder in ihre Bockgruppe zurücksetzen kann. In den seltensten Fällen kommt es zu wirklich handfesten Auseinandersetzungen.
Das Zusammensetzen von zwei ausgewachsenen Böcken kann jedoch problematisch sein. Es sollte auf neutralem Territorium erfolgen und nie in der Gegenwart von Weibchen. Allein die Böcke in einem Auslauf laufen zu lassen, den zuvor eine Weibchengruppe benutzt hat, kann zu Problemen führen.
Meiner Erfahrung nach, sind Böcke meist zugänglicher, knuffeliger, ausgeglichener als Weibchen. Das ist jedoch keine Pauschalaussage. Ausnahmen bestätigen die Regel!

2. Kaninchen und Meerschweinchen sind toll zusammen zu halten. FALSCH!

Katrin Suhrbier sagt uns warum:

In den meisten Büchern über Kaninchen und Meerschweinchen steht es und viele Zoofachverkäufer behaupten es: dass Meerschweinchen und Kaninchen wunderbar zusammen passen und die idealen Partner sind. Als Begründung wird z.B. angegeben, dass sich zwei Meerschweinchenböckchen nicht verstehen und man daher lieber dem Meerschweinchenböckchen einen Kaninchenpartner geben sollte oder dass Vergesellschaftungen zwischen Meerschweinchen und Kaninchen viel besser klappen und die Tiere viel mehr miteinander kuscheln als die Arten unter sich oder dass es dann keinen Nachwuchs geben kann.

Diese Behauptungen sind von Grund auf falsch!

Natürlich können mehrere Meerschweinchenböckchen zusammengehalten werden, wenn man einiges beachtet. Und gegen ungewollte Trächtigkeiten hilft die Kastration des Böckchens. Es gibt keine Gründe, die dafür sprechen, ein Kaninchen alleine mit einem Meerschweinchen zu halten. Einige Leute schaffen sich von jedem Tier eines an, weil sie gerne beide Tierarten halten möchten und ihnen vier zu viel sind. Dabei wissen diese Leute nicht, was sie ihren Tieren damit antun und was dahinter steckt. Ich möchte an dieser Stelle die Vorurteile beseitigen und aus langjährigen Erfahrungen in der Haltung beider Tiere berichten.
Man kann Meerschweinchen und Kaninchen zusammen halten. Das stimmt. Aber man muss ihnen artgerechte Bedingungen schaffen, so dass beide Tierarten ein artgerechtes Leben führen können.

Mehrere einer Art!

Sowohl in der Kaninchen- als auch in der Meerschweinchenhaltung müssen von jeder Art mindestens zwei Tiere gehalten werden und die Unterbringung muss beiden Tierarten gerecht werden. Diese beiden Tierarten stammen nämlich nicht aus der gleichen Familie und haben grundverschiedene Lebensarten und Bedürfnisse.

Meerschweinchen und Kaninchen sprechen unterschiedliche Sprachen!

Sie einzeln zusammen zu halten wäre so, als wenn man einen Menschen sein ganzes Leben lang mit einem Gorilla in einen Raum sperrt. Irgendwann würden sich Mensch und Gorilla vielleicht aus Einsamkeit mögen und vielleicht sogar die Nähe des anderen suchen. Aber nur aus der Einsamkeit heraus - nicht, weil der andere ein ebenbürtiger Partner ist, mit dem man sich unterhalten kann.
So ist es bei Meerschweinchen und Kaninchen auch. Oftmals sieht es so aus, als wenn sie sich innig lieben. Sie kuscheln miteinander und das Kaninchen leckt das Meerschweinchen ab. Aber wenn man erst durchschaut, was das bedeutet, ist es im Grunde traurig, denn es ist eine Verzweiflungstat.
Kaninchen lecken sich zur Begrüßung und möchten zurückgeleckt werden. Dazu stecken sie ihren Kopf unter den Kopf des Partners. Das kann ein Schweinchen aber nicht verstehen. Ich habe schon Kaninchen beobachtet, die eine Viertelstunde lang immer wieder das Schweinchen geleckt und dann den Kopf untergesteckt haben - bis sie es schließlich traurig aufgegeben haben und sich neben das Schweinchen gekuschelt haben, um wenigstens ein wenig Nähe zu haben. Das sieht für Unwissende niedlich aus, ist es aber nicht. Ebenso wie ein Kaninchen die vielfältigen Laute der Schweinchen nicht verstehen kann! Im Gegenteil - oftmals fühlen sich Kaninchen davon genervt und angegriffen und knurren die Schweinchen an, wenn sie das Kaninchen anquietschen. Es ist ein totales Missverständnis, denn das Schweinchen will dem Kaninchen ja nichts böses, sondern zurück angequietscht werden. Das kann das weitgehend stumme Kaninchen jedoch nicht und selbst wenn es Laute von sich geben könnte, wüsste es mit den Lauten des Schweinchen nichts anzufangen.
Diese beiden Tierarten sind nicht in der Lage, miteinander zu kommunizieren - weder durch Laut- noch durch Körpersprache.
Sehr schlimm kann es enden, wenn z. B. ein Kaninchenrammler mit einem Meerschweinchen zusammengehalten wird. Der Rammler kann das Schweinchen arg bedrängen und schwer verletzen, wenn er seinen Trieb auslebt.
Ebenso kann es vorkommen, dass das Meerschweinchen das Kaninchen beißt, weil es sich permanent bedroht fühlt.
Möglicherweise sitzt das Schweinchen nur noch in der Hütte und traut sich gar nicht mehr raus....wer möchte schon so leben???

Unterschiedliche Bedürfnisse!

Hinzu kommt, dass Kaninchen und Meerschweinchen unterschiedliche Bedürfnisse haben im Bezug auf Platz und Nahrung. Während Meerschweinchen Fluchttiere sind und ihre diversen Unterschlüpfe brauchen, sitzen Kaninchen gerne erhöht oder an einem Platz wo sie die Übersicht haben. Kaninchen brauchen noch viel mehr Platz und Auslauf als Meerschweinchen. Nicht umsonst haben sie ihre kräftigen Hinterläufe. Sie müssen mal so richtig losrasen und Bocksprünge machen können. Wenn sie dies aus Platzmangel nicht können, verkümmern sie oder werden aggressiv.
Außerdem brauchen Kaninchen eine Möglichkeit zum Buddeln. Das ist ein natürliches Bedürfnis. Ich habe es schon erlebt, dass Kaninchen auf dem Meerschweinchen herumkratzen, weil sie diese Möglichkeit nicht haben und ihnen langweilig ist. Wenn also eine gemischte Haltung, dann so, dass beiden Tierarten gerecht wird. Das heißt ausreichend Platz und Möglichkeiten zum Buddeln (dies kann bei Innenhaltung ein Katzenklo mit Erde sein) für die Kaninchen, genügend Unterschlüpfe für die Schweinchen aber vor allem für jede Tierart mindestens einen artgerechten Partner. Und letztlich wird jeder, der dann mal diesen Schritt getan hat und jedem seinen Partner gegeben hat, dadurch belohnt, dass er auf einmal Erstaunliches an seinen Tieren beobachten kann. Nichts ist schöner, als die Tiere so glücklich zu sehen, wie sie ihr Sozialverhalten ausleben können. Spätestens dann wird jeder begreifen, wovon ich hier spreche.

Empfehlenswerte Bücher zu diesem Thema:
Artgerechte Haltung - ein Grundrecht auch für (Zwerg-) Kaninchen ISBN 3-906581-35-7
Artgerechte Haltung - ein Grundrecht auch für Meerschweinchen ISBN 3-906581-23-3

Mehr Informationen unter: www.unsere-rasselbande.de
Kopieren und Verbreiten erlaubt! Ändern verboten!
10/2002 by Katrin Suhrbier


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Letzte Aktual.: Juni 2003 / designed by Powerhexe / verantwortl. für den Inhalt: Iris Jänicke